Literaturdemo-Ingolstadt.jpgLiteraturdemo, Ingolstadt

Perspektivenwechsel: Ein Workshop für Kinder und Jugendliche, der interkulturelle Kompetenz vermittelt und sich dabei neuer methodisch-didaktischer Ansätze zur Literaturvermittlung bedient: der Slam Poetry und des Poetry Slam. Was hat Kultur mit Identität zu tun, wo stoßen wir im Alltag auf Verschiebungen oder Unterschiede, die kulturell begründet sind – und was bitte ist eigentlich "Kultur"? In dieser Auseinandersetzung mit sich selbst, der Umwelt, Migration und "Anderssein" werden die Schüler professionell angeleitet. Erarbeitet werden Texte und Denkansätze zum Thema Interkulturalität über kreative Schreibübungen, in Gesprächsrunden und mittels Theater- und Sprechübungen, in denen die selbstgeschriebenen Texte zum performativen Erlebnis werden.

Städte: Marktheidenfeld, Würzburg
Künstlerin: Pauline Füg
Träger: Stellwerck Verlag
Schulen: Balthasar-Neumann-Gymnasium Marktheidenfeld (9, 10), Freie Waldorfschule Würzburg (9-12)
Zeiträume: 28. bis 29. April 2014; 23. bis 25. Juli 2014; 29. Sept. bis 01. Okt. 2014 (aktuell 3 Durchläufe)

     

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Poetry Slams sind moderne Dichterwettkämpfe. Sie sind das aktuell erfolgreichste und populärste Literaturformat im deutschsprachigen Raum. Mittlerweile gibt es eine eigene Slam-Meisterschaft für SchülerInnen – die U20-Poetry Slam-Meisterschaft – und spezielle Workshops, die junge Menschen an Literatur und den Umgang mit Sprache sowie an kreative Techniken zur Produktion und Performance von (Slam-) Texten heranführen. Im Workshop Perspektivenwechsel setzen sich die Schüler über das Medium Sprache kreativ mit dem Thema Interkulturalität auseinander. Im Mittelpunkt steht der persönliche Zugriff, z.B. über die eigene Familiengeschichte (wo kommen meine Eltern und Großeltern her?), über kulturelle Praktiken wie Feiertage und Essgewohnheiten und über internalisierte Bilder von Deutschland und den Deutschen wie auch von anderen Ländern oder von als "anders" geltenden Gruppen.

Perspektivenwechsel kann in allen Altersstufen durchgeführt werden. Je nach Altersstufe und auch Klassengröße werden die Workshop-Inhalte entsprechend angepasst.

1. Stufe
• Einführung: Was sind Poetry Slams und was ist Slam Poetry? Geschichte des Poetry Slam
• Vorstellen unterschiedlicher Poetry Slammer mittels DVD
• Kurzer Vortrag der Workshopleiterin Pauline Füg
• Schreibtheorie: Schreibtechniken, Stilmittel, Aufbau von Texten
• Kreatives Schreiben, Diskutieren der neu entstandenen Texte

2. Stufe
• Umsetzen der entstandenen Texte in eine Bühnenperformance mittels Schauspielübungen (gezielter Einsatz von Gestik, Mimik und Stimme)

3. Stufe
• Je nach Bedarf und Möglichkeiten: Aufführung vor der Schule oder Jahrgangsstufe, ggf. mit Abstimmung über die beste Performance sowie Preisverleihung

Faltblatt Workshop
Perspektivenwechsel auf Facebook

Zusammen mit seiner Autorin Pauline Füg hat der Würzburger Verlag Stellwerck das Workshop-Konzept entwickelt. Pauline Füg (*1983) ist eine bundesweit bekannte und mehrfach ausgezeichnete Bühnenpoetin und Autorin. Ihre literarischen Wurzeln hat sie im Poetry Slam. Die diplomierte Psychologin mit Studienschwerpunkt "Migration und interkulturelle Kompetenz" gibt seit vielen Jahren Poetry Slam-Schreibworkshops, z.B. für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter dem Motto "Kompetenz stärken, Toleranz fördern". Außerdem für das Theater Ingolstadt und für eine Vielzahl von Schulen (lokal: Röntgen-Gymnasium Würzburg, Wirsberg-Gymnasium Würzburg, Balthasar-Neumann-Gymnasium Marktheidenfeld). Veröffentlichungen u. a. im Stellwerck Verlag (2011: "Die Abschaffung des Ponys"). Mitglied der Eichstätter Schule (großraumdichten, lichtpunkt-film, radient audiovisual arts). Mehr Informationen

Abschlussbericht Balthasar-Neumann-Gymnasium (9):
Der erste Tag des Workshops hatte den Schwerpunkt „Was ist Poetry Slam? Poetry Slam im interkulturellen Kontext“. Hier wurde mit der Methode des Poetry Slam über Fragestellungen aus der Interkulturalitätsforschung, beispielsweise über Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Denkstereotype, gesprochen. Hierzu wurden verschiedene Poetry Slam Clips, deren Texte interkulturelle Themen behandeln, als Anregung gezeigt und mit den SchülerInnen darüber diskutiert (vgl. Sulaiman Masomi „Ein Kanacke sieht rot“, Bas Böttcher „Missverständnisse“, Dalibor „Ich mache ein Zeichen“, Team&Struppi „Falschheit dein Name ist“). Die Jugendlichen zeigten sich begeistert von den künstlerischen Umsetzungen der als schwierig und sehr persönlich empfundenen Themen, die ganz ohne Zeigefinger auskommen, aber internalisierte Sichtweise auf ‚die Anderen‘ subtil in Frage zu stellen im Stande sind. Sie wünschten sich, dass einige der Texte an der Abschlusspräsentation auch jenen Mitschülern gezeigt würden, die nicht an dem Workshop teilnehmen konnten. Am zweiten Workshoptag wurden die Jugendlichen - nach einer kurzen Zeit fürs Überarbeiten der Texte – in Performance- und Sprechübungen geschult, um die eigenen Texte dann in eine Bühnenpräsentation zu überführen. Am Ende traten fast alle Schüler im Theatersaal der Schule mit einer Poetry Slam Show auf und zeigten ihren Mitschülern ihr Können. Der Workshop soll im nächsten Schuljahr auf Wunsch der Schülern wiederholt und möglichst um einen dritten Tag verlängert werden. Fazit: „Was, jetzt ist es schon vorbei? Warum können wir nicht noch weiterschreiben?“

 

Abschlussbericht Freie Waldorfschule Würzburg (9 - 12):
Der erste Tag des Workshops hatte wieder den Schwerpunkt "Was ist Poetry Slam? Poetry Slam im interkulturellen Kontext". Die Teilnehmer wünschten, auch am zweiten Tag des Workshops Sulaiman Masomis Finaltext der deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften ausführlich zu besprechen. In seinem Text „In diesem Raum ist eine Bombe“ spielt Masomi, ein Poet mit afghanischen Wurzeln, auf die Vorurteile an, mit denen ihm Menschen begegnen. Schwerpunkt des zweiten Workshoptags war außerdem die Textproduktion. Manche Texte setzten sich explizit mit interkulturellem (Miss)-Verstehen auseinander, zum Beispiel der "Brief an einen Freund". In diesem wird erklärt, wie man sich im fiktiven Land Volapük verhalten solle, in dem die Menschen unterschiedlich gefärbte Haare haben. In anderen Texten wiederum ging es um klassische Themen von jungen Erwachsenen: die Frage nach dem "richtigen" (Lebens)-Weg und Unsicherheiten in Entscheidungssituationen. Der dritte Workshoptag hatte – nach einer kurzen Zeit fürs Überarbeiten der Texte – Performance- und Sprechübungen zum Schwerpunkt, die eigenen Texte wurden für die Präsentation eingeübt. Am Ende traten fast alle Schüler im Theatersaal der Schule mit einer Poetry Slam-Show auf und zeigten ihren Mitschülern ihr Können. Das Feedback fiel am Ende sehr positiv aus: "Vielen Dank für diesen tollen Workshop!", "Darf ich dir noch Texte bei Facebook schicken?" und: "Gibt es solche Workshops öfter?"

 

Abschlussbericht aus dem Balthasar-Neumann-Gymnasium (9 – 10):
Das Balthasar-Neumann-Gymnasium in Marktheidenfeld führte den Workshop zum wiederholten Mal durch und ermöglichte den Schülern, ihre Schreibkompetenzen zu vertiefen. Wir wollten ihnen neues Denkfutter bieten: Im Mittelpunkt dieses Perspektivenwechsel-Workshops sollten die Themen Flucht/Fluchterfahrung und Willkommenskultur stehen. Die Workshopleiterin Pauline Füg konnte als Workshop-Partner Madiama Diop gewinnen, ein senegalesischer Asylbewerber, der in den letzten Wochen als wichtiger Footballspieler bei den Würzburg Panthers dafür gekämpft hatte, trotz Residenzpflicht an Auswärtsspielen seines Vereins teilnehmen zu dürfen. Die Stadt Würzburg ermöglichte die Zusammenarbeit mit Madiama mit einer Aufstockung der Fördersumme.

Der Workshop umfasste an den ersten beiden Workshoptagen jeweils 4 Schulstunden sowie 2 Schulstunden am dritten Tag. Rund 25 Schüler nahmen daran teil. Zur Einleitung in das Thema Flucht und Willkommenskultur lasen und diskutierten sie aktuelle Zeitungsartikel über Madiama Diops Situation. Das Eis war gebrochen: Madiama Diop wurde von den Schülern umringt und befragt, es wurden Fotos geschossen, Autogramme erbeten und natürlich die #45 als Symbol für Madiama Diops Situation hochgehalten. Nachdem Madiama Diop seine persönliche Geschichte erzählt hatte, entstand zu den folgenden Fragen eine rege Diskussion:

Was heißt Migration? Was heißt Asyl? Welche Gründe sind vorstellbar für Flucht und Migration? Welche Probleme gibt es für Flüchtlinge und Asylsuchende? Was erhoffen sich die Flüchtlinge in Deutschland und werden ihre Hoffnungen erfüllt? Die Schüler waren mit großem Interesse bei der Diskussion dabei und viele zeigten sich schockiert über die Zustände in der Gemeinschaftsunterkunft, von denen Madiama Diop erzählte. Als junger Sportler war er ideale Identifikationsfigur für die Jugendlichen.

Dann ging es ans Schreiben. Folgende Übungen standen zur Auswahl: (1) Du lebst im fernen Land Volapük. Hier ist alles anders als in Deutschland. Schreibe deinem/r besten Freund/in einen Brief, in dem du erzählst, was alles anders ist; (2) Schreibe eine politische Rede. Wenn du willst, kannst du sie reimen. Bist du wütend? Was soll sich ändern? Ein Teil der Klasse schrieb literarische Texte unter meiner Anleitung, der andere einen journalistischen Text unter Anleitung der ebenfalls anwesenden Deutschlehrerin.

Madiama Diop stand für Fragen zur Verfügung. Es entstanden Briefe, die von dem Leben in einem fernen Land berichteten, politische Reden darüber, dass alle Menschen menschwürdig behandelt werden sollten, und Gedichte über das Gefühl, in einer Gemeinschaftsunterkunft leben zu müssen. Der letzte Tag stand ganz im Zeichen von Performance- und Sprechübungen, um die eigenen Texte publikumswirksam vortragen zu können. Am Ende traten die Schüler mit einer Poetry Slam Show auf und zeigten ihren Mitschülern, Lehrkräften und interessierten Eltern ihre Textergebnisse. Was uns besonders freute: Einige der Workshop-Teilnehmer trauten sich sogar, mit gerade einmal 14 oder 15 Jahren auf dem ersten Würzburger U20 Poetry Slam am 12.10.2014 vor über 80 ‚Fremden‘ in fremder Umgebung und eindrucksvollen Texten – zum Teil Produkte des Workshops – aufzutreten. Die an die Workshops geknüpften Erwartungen, nachhaltige Nachwuchsförderung zu betreiben und Talenten die Möglichkeit zum Selbsterproben zu geben, haben sich bereits zu diesem Zeitpunkt mehr als erfüllt.