Lokalklang-Erlangen.jpgLokalklang, Erlangen

Jugend & Stein: Zum Thema „Die vier Himmelsrichtungen“ gestalten die Schüler gemeinsam eine Grundskulptur aus einem Steinblock. In Abstimmung mit der Gruppe werden dann Einzelstücke gefertigt, die den Himmelsrichtungen entsprechen: Skandinavien, Orient, Afrika, Okzident. Gegenseitige Hilfe und die gemeinsame Arbeit fördern den Gruppenprozess und das Selbstbewusstsein der Einzelnen wird durch das Schaffen von etwas ganz eigenem gestärkt.

 

Stadt: Eging am See
Künstler: Christian Schafflhuber
Schule: Grund- und Mittelschule (7 – 10)
Zeitraum: Juni bis Okt. 2014; Sept. bis Nov. 2014 (aktuell 2 Durchläufe)

 

Stein 1 klein   Stein 2 klein   Stein 3 klein

 

Aus einem Steinblock gestalten die Schüler in einer ersten Stufe gemeinsam eine Grund-Skulptur (Mutterstein), ähnlich einem Baumstamm. Der erste Durchlauf dient sowohl dem Erlernen von Grundfertigkeiten im Umgang mit dem Werkstoff Stein und der Verwendung von Werkzeugen zur Steinbearbeitung als auch der Gruppenbildung. Das Thema der Skulptur lautet „Die vier Himmelsrichtungen“.

In einer zweiten Phase fertigt dann jeder der Schüler, in Abstimmung mit der restlichen Gruppe und der künstlerischen Leitung, "seinen" Anbau selbst. Je nach Himmelsrichtung, in welcher der fertige Modulstein später an dem Stamm befestigt wird, unterliegt der jeweilige Satellit einem Thema (Skandinavien/ Orient/ Afrika/ Okzident). Im Endergebnis entsteht dabei ein Kunstwerk, bei dem jeder Schüler seinen eigenen, unverwechselbaren Beitrag an diesem Gesamtkunstwerk erkennen kann. Diese Phase kann beliebig wiederholt werden, somit „wächst“ die Skulptur, welche auf dem Boden installiert wird, mit der Zeit um die Anzahl der beteiligten Schüler.

Christian S. Schafflhuber ist freier Steinbildhauer und hat langjährige Erfahrung im Veranstalten von Workshops und in der Jugendarbeit. Er hat u. a. mit Schülern der Wilhelm-Niedermayer-Mittelschule Tittling und Problemjugendlichen in Berlin gearbeitet.

 

Abschlussbericht aus der Grund- und Mittelschule (7 – 10, 1. Gruppe):
Der erste Durchlauf des Projekts startete im Juni mit sechs Schülern der Mittelschule. Sie sind zwischen 13 und 17 Jahren alt und kommen aus einem schwierigen familiären Umfeld, weshalb sie außerhalb ihrer Familien untergebracht werden. Unter den Teilnehmern war ein Mädchen, die restlichen waren Jungen. Der Kurs fand für acht Wochen immer dienstags zwischen 17:30 und 21:00 Uhr auf meinem Hof statt. Zwischendurch wurde es zum festen Ritual, dass wir gemeinsam Brotzeit gemacht haben. In dieser Pause konnten wir uns jenseits der Arbeit kennen lernen und nähere Gespräche führen.
Der erste Kurstag begann damit, aus einem großen Steinblock manuell die einzelnen Werksteine für die Teilnehmer zu spalten. Bei ihrer Ankunft noch sehr skeptisch und lustlos, wurde durch diese eindrückliche Arbeit ihre Begeisterung schnell geweckt. Jeder durfte mit daran wirken, den großen Block in ihre eigenen Steine aufzuteilen. Anschließend waren sie aufnahmefähig für die Theorie, wie die Herkunft des Gesteins und Handhabung der verschiedenen Werkzeuge. Als jeder seinen Stein vor sich hatte, ging es an die Motivfindung. Die thematische Vorgabe lautete „Was uns alle verbindet“.
Die entstandenen Motive tragen ausschließlich die jeweiligen Vorstellungen der Schüler. Die meisten hatten sofort eine Idee und es musste nur noch besprochen werden, wie die Vorstellung konkret in Stein aussehen könnte. Zwei Jungen taten sich in der Ideenfindung ziemlich schwer und trauten sich vor allem nicht zu, den Stein entsprechend bearbeiten zu können. Als die anderen bereits arbeiteten, sie ein wenig zuschauen konnten und mit ihrem Stein vertrauter waren, ging es auch bei ihnen los, sich auf ein Motiv festzulegen. Im Kursverlauf erlernten die Schüler mit dem passenden Werkzeug ihren Stein in die gewünschte Form zu bringen, Oberflächen verschiedentlich zu bearbeiten und unterschiedliche Effekte zu erzielen. Steinbearbeitung erfordert Geduld, gerade am Anfang sind die gewünschten Ergebnisse nicht so schnell sichtbar, da die Technik erst in Fleisch und Blut übergehen muss. Einige Schüler waren nach kurzer Zeit demotiviert, weil sie nicht unmittelbar große Stücke ihres Steins weghauen konnten. Mit der Zeit ging ihnen die Arbeit allerdings immer leichter von der Hand und sie gewannen ihren Spaß und vor allem den Ehrgeiz wieder. Nach drei Wochen am Stein stellten sie die Veränderungen fest und erlebten, was sie mit ihrer Hände Arbeit bisher geleistet haben. Manche arbeiteten hochkonzentriert und selbstvergessen und wären gerne noch öfter gekommen. Bei anderen musste ich die Begeisterung in jeder Woche neu entfachen. Durch Motivation, handwerkliche Hilfe und die entsprechende Aufmerksamkeit, die sie dann im Einzelgespräch erhielten, gelang es immer wieder. Am Ende sind alle Schüler äußerst gern zum Steine hauen gekommen. Sie konnten ihren Alltag im Jugendwohnheim für ein paar Stunden hinter sich lassen, hatten Erfolgserlebnisse und ein selbst geschaffenes Werk, von dem sie nur zu gut wissen, wie schwierig der Weg dahin war.

 

Abschlussbericht aus der Grund- und Mittelschule (7 – 10, 2. Gruppe):
Am zweiten Durchlauf im September nahmen vier Schüler, darunter drei Flüchtlingskinder aus Afghanistan, teil. Zwei von ihnen sind Brüder im Alter von 13 und 16 Jahren. Der dritte ist 17 Jahre alt und war ganz auf sich gestellt während der Flucht. Sie alle sprechen Farsi als Muttersprache. Meine Assistentin beherrscht die Grundlagen der Sprache und konnte sich, sehr zur Freude und Überraschung der Jungs, mit ihnen verständigen. Dieser glückliche Umstand erleichterte es wohl, die Neugier zu wecken und sie für das Projekt zu begeistern. Zusätzlich nahm ein deutsches 15-jähriges Mädchen teil.
Die Erfahrung aus dem ersten Durchlauf hat gezeigt, dass es für die Schüler sehr beeindruckend ist, den Kurs mit dem Spalten eines großen Steinblocks in kleine Werksteine für jeden zu beginnen. Diese Tätigkeit bereitete den Jungs großen Spaß, mit der Bohrmaschine die Löcher in den Stein zu bohren und dann mit ihrer Kraft die Keile hineinzutreiben bis er bricht. Sie übernahmen die Aufgabe gern auch für das Mädchen. Sie war anfangs noch ziemlich schüchtern und verhalten, taute bei der Bearbeitung ihres Steins zu einer Schale aber Stück für Stück auf. Die Schwierigkeit bestand darin, sie langfristig zu begeistern, denn ihr war das Material zu hart, das Werkzeug zu schwer und sie zweifelte sehr daran, etwas zustande zu bringen. Durch Geduld und Unterstützung, lernte sie das Werkzeug richtig einzusetzen. Je näher sie dann dem gewünschten Ergebnis kam, stiegen die Spannung und die Lust, es zu Ende zu bringen. Es hat sie letztendlich äußerst überrascht, dass sie es selbständig geschafft hat, aus einem Stein eine Form herauszuholen.
Die Jungs wollten alle einen ebenen Quader aus ihrem entstanden Brocken formen. Trotz der Sprachbarriere lernten sie sehr rasch durch Zuschauen und Nachahmen, das Werkzeug richtig einzusetzen und entwickelten ein Talent in der Steinbearbeitung. Am Ende haben sie auf eine Fläche des Quaders ihre Namen in arabischer Schrift gemeißelt. Die Jungs haben sehr mit der Schwermut zu kämpfen, niemandem ist das Ausmaß der traumatischen Erlebnisse vor und auch während ihrer Flucht bekannt. Während des Arbeitens gelang es ihnen, Freude zu entwickeln und ihre Melancholie für einige Momente zu überwinden. Sie arbeiteten ehrgeizig und zielstrebig an ihren Steinen und waren sehr begeistert und stolz über Teilerfolge. Das zu beobachten, hat noch einmal ganz deutlich die immense Wichtigkeit dieses Projektes gezeigt. Es war für alle Teilnehmer ein Erlebnis, dass sie, wie auch die Teilnehmer der ersten Gruppe, gerne wiederholen möchten.